Die Kolkraben
Band 1: Naivität
Prolog
Elenas Magen knurrte und zog sich erneut schmerzhaft zusammen. Seit einer halben Woche hatte sie nichts Richtiges mehr gegessen. Der Geruch der Straße hing an ihr. Ihr Gesicht war mit einer Schicht aus Staub und Dreck überzogen, ihre sonst makellose Haut bildete Krusten. Ihre ehemals glatten dunkelbraunen Haare fielen in verfilzten Strähnen in ihr Gesicht. Schmutzige Reste von Schminke, durchzogen von Tränenlinien, umrandeten ihre haselnussbraunen Augen.
Sie stieg mit vielen anderen trost- und obdachlosen Seelen den Weg zu dem verlassenen Warenhaus oberhalb des „Offenen Viertels“ der Stadt Amerillo hoch, die angelehnt an ein immenses Bergmassiv in einer Wüsten- und Staubebene im Fürstentum Leoparden lag. Sie war eines der Zentren des Bergbaus im Reich. Ein jeder der Verzweifelten war wie sie ein Teil der menschlichen kanteranischen Minderheit innerhalb des großen Nemesischen Reiches. Verarmt und im Stich gelassen. Ihren kleinen Bruder Miguel, ihr letztes lebendes Familienmitglied, hatte sie am Morgen bei einem alten Schulfreund untergebracht. Nur für heute, länger war sie nicht gewillt ihn aus den Augen lassen. Der Name ihres Freundes war Diego Caballero, zufällig hatte sie ihn vor kurzem beim Betteln getroffen. Er war den Reichsknechten des Nemesischen Reiches beigetreten. Einer der Unterdrücker. Ein Imperialist. Er trug ihre Uniform. Unfassbar, was aus ihm geworden ist! Sie spuckte bei dem Gedanken auf die staubige Gasse, die sich den Berghang hochwand. Zumindest ihren kleinen Bruder konnte sie mit seiner Hilfe vorerst von der Straße holen. Dort waren sie gelandet, weil ihre Familie, die ein bescheidenes Haushaltswarengeschäft besessen hatte, von einer größeren Manufaktur aus Nemesis-Stadt vertrieben worden war. Nicht durch bessere Preise oder überlegene Waren, sondern durch Bestechungen der Zulieferer und dem Anheuern von Schurken, die entweder Gerüchte über ihre Familie verbreiteten oder aggressiv wie Schläger und Diebe neben dem Geschäft herumlungerten. Es brauchte nicht lange, bis das Geschäft in sich zusammenbrach und ihre gesamte Familie auf der Straße landete. Ausschließlich Nemesier arbeiteten in dem Betrieb, welcher sie aus dem Geschäft gedrängt hatte. Ebenso in den Behörden, die sie nicht beschützten. Doch ihre kanteranischen Mitbürger ignorierten ihr Leiden, niemand kam ihnen zur Hilfe. Auch dann nicht, als ihre Eltern bei einem unglücklichen Raubüberfall brutal totgeschlagen wurden.
Zwei Monate Obdachlosigkeit hatten tiefe Spuren hinterlassen. Ihre sonst grazile Figur war ausgemergelt, ihre Wangen eingefallen. Sorgenvoll spielte sie in ihrer Tasche mit den paar Brotkrümeln, die ihr geblieben waren. Der Aufstieg wurde eine ermüdende Plackerei. Doch oben, so war ihr versprochen worden, würden ihr Hunger und Durst gestillt werden. Alles, was sie dafür tun musste, war, einer Rede zuzuhören und irgendetwas zu unterstützen. Eine Kleinigkeit im Gegenzug für eine vollständige Mahlzeit. Trotzdem war der Versammlungsplatz ein Geheimnis. Nur durch Mundpropaganda der kanteranischen Gemeinschaft in der Stadt hatte sie überhaupt davon erfahren. Deswegen hatte sie ausschließlich Diego gesagt, wo sie zu dieser Zeit hingehen würde, nur zur Sicherheit. Ihrem alten Kindheitsfreund vertraute sie, egal, mit welchen Federn er sich schmückte. Falls etwas schiefging, wusste wenigstens eine Person Bescheid.
Schwer schnaufend umrundete sie mit der Gruppe die letzte Kurve des Weges und sah das Lagerhaus, einen heruntergekommenen und verlassenen Komplex am Eingang einer versiegten Zinnmine. Einer von vielen im Bergmassiv der Stadt Amerillo. Einer Stadt, deren Reichtum insbesondere auf diesem Metall beruhte. Fensterläden hingen gebrochen in ihren Angeln, Ziegel lagen lose im Mauerwerk oder waren heruntergefallen. Einer der Kamine war eingestürzt. Wie ein gieriges Maul einer zeitlosen Bestie standen die schweren Flügel des Metalltores offen und gaben den Weg in die im Zwielicht stehende Halle dahinter frei. Das Licht von Silberschwinge und das goldene Licht von Morgenstern, den zwei Monden der Welt von Felysion, schien in der wolkenlosen Nacht grell gegen die nackten Wände des Warenhauses. Sobald sie alle eingetreten waren und sich ihre Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnt hatten, schlossen sich die schweren Tore mit unheilvollem Ächzen und Schaben bedrohlich hinter ihnen. In ihrem Herzen machte sich Furcht breit.
Vorsichtig, mit zaghaften Schritten, bewegte sie sich tiefer in die Halle hinein. Diese wirkte wie ein Tor direkt in die Unterwelt. Der Atem des Todes, Mors Atem, zog kalt durch den gesamten Komplex. Teils zerbrochene Kisten standen aufgereiht und vergessen in den Ecken. Altes defektes Bergarbeiterwerkzeug lag herum. Mit Zinnerz durchzogenes Geröll bedeckte verstreut den Boden. Einige Brocken aus Erz bildeten kleine Hügel. Der Raum war groß, recht hoch und schien bis tief in den Berg zu reichen. Das Mondlicht und die wenigen Fackeln beleuchteten die Mitte nur spärlich, der Rest lag in bedrohlichem Zwielicht. Es war der kneifende Hunger, der sie und die meisten anderen trotzdem tiefer hineinzog. Eine provisorische Bühne war am Ende der Halle errichtet worden. Dort wurden sie von einer Gruppe brutal wirkender Schläger empfangen. Ihre Haut war mit Narben zahlreicher Kämpfe übersät. Die Gesichter wirkten aggressiv und ihre Waffen schrien mit ihren Scharten und Dellen nach Blut. Elena versuchte, in der Masse der Menschen unterzugehen, eine Fähigkeit, die sie sich auf der Straße angeeignet hatte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihre Gruppe Zivilisten von Bewaffneten umringt war, sie wurden mit hartem Gesichtsausdruck gemustert. Diese Wachen erweckten nicht den Eindruck, als würden sie irgendjemanden gehen lassen. Instinktiv sah sie sich nach einem Ausweg um, aber die Fenster waren bewacht oder versperrt. Die Dachfenster lagen zu hoch und das große Tor wurde mit einem massiven Holzkant verriegelt.
Wahrscheinlich gibt es weiter hinten Türen, ist bei solchen Gebäuden immer so. Alles, was ich will, ist etwas zu essen für mich und Miguel, dachte sie mit zusammengebissenen Zähnen. Zögerlich bewegte sich die Gruppe auf die Bühne zu, auf der ein Mann im Zentrum hervorstach. Er hatte einen metallenen Panzerhandschuh an seiner rechten Hand. Dieser glänzte seltsam ölig im Licht der Monde und Fackeln.
Als der Großteil der Gruppe die Bühne erreicht hatte, schrie einer der beistehenden Bewaffneten: „Callaos! Mierda, gente. Callaos!“[1] Dabei reckte er eine Streitaxt in die Höhe, die mit getrocknetem Blut befleckt war. Elena erschrak und wich so tief wie möglich in die Menge zurück. Das beständige Gemurmel, das die Gruppe begleitet hatte, erstarb. Der Mann mit dem Panzerhandschuh trat vor. Mit leichtem Akzent sprach er: „Ich weiß, ihr seid hungrig. Ich weiß, ihr seid durstig. Ich weiß, ihr habt Angst. Doch hört mir erst einmal zu, danach geben wir euch das versprochene Essen.“ Er wies seine Schergen mit einem Handzeichen an, Wasser in Holzeimern zu verteilen, das sofort gierig getrunken wurde. Elena verschluckte sich, so hastig trank sie. Die Menge wurde beinahe wild, doch die unbedingte Härte der Schergen, ausgedrückt in Schlägen, bewahrte Ruhe in der Meute. Als alle Anwesenden etwas getrunken hatten, trat der Mann mit der Metallfaust in die Mitte der Bühne und begann seine Rede: „Permítanme hablar en alto Nemesio, ya que desfortunadamente no todos nuestros hermanos pueden hablar canterano.“[2] Die Anwesenden zeigten keine Regungen und hörten stumm zu. Er gestikulierte theatralisch auf der Bühne: „Meine tapferen Geschwister! Wir sind hier versammelt, um unsere Stimmen zu erheben gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, die wir tagtäglich erleiden. Ihr seid die Armen und Obdachlosen dieser Stadt. Das sind auch wir. Die mächtigen und reichen Nemesier beuten euch aus, so auch uns! Wir Kanteraner sind diejenigen, die kein Dach über dem Kopf haben, kein Brot auf dem Tisch, kein Recht auf Bildung, Gesundheit oder Würde haben. Wir sind es, die jeden Tag um unser Überleben kämpfen müssen, während Nemesier und Kollaborateure in Luxus und Überfluss schwelgen.“ Vereinzeltes zustimmendes Murren erklang in der Menge.
„Wir sind aber auch diejenigen, die den Mut haben, sich zu wehren! Wir sind diejenigen, die niemals resignieren oder kapitulieren. Wir sind diejenigen, die den Traum von einer besseren Welt nicht aufgegeben haben. Wir sind diejenigen, die bereit sind, für unsere Freiheit und Gleichberechtigung zu kämpfen.“ Das Murren wurde lauter, doch war für Elena klar ersichtlich, dass die meisten ungeduldig in Gedanken schon beim Essen waren. Für Politik waren sie eindeutig das falsche Publikum. Der Mann mit der eisernen Faust schien davon keine weitere Notiz zu nehmen, während er sich vollends darauf konzentrierte, sein persönliches Theaterstück auf der Bühne vorzuführen. Er bewegte sich über die Breite und warf dabei seine Hände in wilden Gefühlsausbrüchen umher. Elena dachte sich: Alles, was ihm fehlt, ist ein Spiegel, um sich selbst bewundern zu können.
„Wir sind nicht allein in diesem Kampf! Überall auf der Welt unterstützen uns Millionen von Bürgern. Ihre Solidarität gilt uns, während wir unter dem Joch des nemesischen Imperialismus leiden. Wir haben das Beispiel und Erbe des brennenden Märtyrers Christobal vor Augen, der sein Leben für die Befreiung aller Kanteraner gab. Durch ihn haben wir die Kraft und den Willen eines Volkes, das niemals besiegt werden kann.
Meine tapferen Geschwister.
Die Zeit, um unsere Forderungen laut und deutlich zu machen, ist gekommen. Wir wollen weder Almosen noch Gnade. Wir wollen Gerechtigkeit und Wohlstand. Wir wollen ein Ende der Ausbeutung und Korruption. Wir wollen eine demokratische Gesellschaft nach dem Vorbild Rimas und eine sozialistische Gesellschaft nach dem Vorbild der Räterepublik Madau, in der alle Menschen gleich sind und die gleichen Rechte und Pflichten haben.“ Vereinzelte Rufe der Zustimmung hallten zur Bühne, Elena meinte, die meisten von ihnen von den Schergen kommen zu hören.
„Wir wissen, dass der Weg nicht leicht ist. Wir wissen, wie groß und mächtig unser nemesischer Feind ist. Wir wissen, dass wir Risiken eingehen und Opfer bringen müssen. Aber wir wissen auch, dass wir nichts zu verlieren haben, außer unseren Ketten. Und, dass wir alles zu gewinnen haben: unsere Freiheit, unsere Würde, unsere Zukunft.
Meine tapferen Geschwister.
Lasst uns gemeinsam diesen Kampf führen. Lasst nicht zu, dass Angst und Hoffnungslosigkeit uns lähmen. Lasst nicht zu, dass wir von Spaltung oder Intrige geschwächt werden. Lasst nicht zu, dass Lüge und Propaganda uns täuschen. Lasst uns vereint und entschlossen sein. Lasst uns mutig und kreativ sein. Lasst uns inspiriert und begeistert sein.“ Elena langweilte sich und ihr Hunger verstärkte ihre Ungeduld erheblich. Damit war sie nicht allein, Unmut machte sich in der Gruppe Hungriger breit.
„Lasst uns den Geist von Mártir ardiente Cristóbal el infierno de las llamas[3] in unseren Herzen tragen. Lasst uns dem Motto der Puño folgen: Hasta la libertad eterna! Bis zur ewigen Freiheit!“
Auf die letzten Worte zündete er seinen Panzerhandschuh an, der lichterlohe Flammen schlugen. Wie in dem Banner der Puño leckte und züngelte das Feuer um die Finger des Handschuhs. Ein verunsichertes Raunen hallte durch die Menge.
Die bewaffneten Rebellen im Saal brachen in Jubel aus, in den die Mehrzahl der Zivilisten verhalten einstimmte. Einige wenige schrien den Jubel überzeugt heraus. Elena schwieg und zog sich in die hinteren Reihen zurück. So langsam sollte ich hier besser verschwinden, diese Fanatiker ziehen mich noch in was Gefährliches rein. Da bin ich lieber hungrig, als so unnötig mein Leben zu riskieren, dachte sie gerade, als sie sich fürchterlich erschrak und ihr Blick zur Decke schnellte.
Das Dachfenster über der Bühne zersprang und ein adlig anmutender blonder Reichsknecht sprang durch den Regen aus Scherben. Mit flatternder Uniform und einer Hellebarde in beiden Händen fiel er herab und pfählte den Redner mit der brennenden Faust durch seinen Rücken. In dem Moment, in dem die Spitze der Hellebarde sich in die Bühne drückte, rollte er sich athletisch zur Seite weg, hob sein Barrett vom Boden auf, zog sein Kurzschwert und stach einer völlig überrascht starrenden Wache in den Bauch. Die weiteren Dachfenster zerbarsten mit lautem Krachen und Splittern. Der Regen aus scharfen Glaszacken rieselte auf die Kanteraner. Elena musste ihr Gesicht schützend in ihren Händen verbergen. Die Mündungen zahlreicher Arkebusen lugten durch die Fensteröffnungen und ein Kugelhagel brach in der Halle los. Rauch, Lärm und Blutspritzer erfüllten die Luft. Panische Schreie hallten durch die Menge und etwas, das sich für sie wie Blut anfühlte, warm und klebrig, landete in Elenas Gesicht.
Die Zivilisten zerstreuten sich panisch in alle Richtungen.
Es folgte ein schwarzhaariger Reichsknecht mit grimmigem Blick in seinen Obsidianaugen, er ließ sich mit einem Seil vom Dach herunter und kam auf Kopfhöhe eines Rebellen zum Stehen. In einer seiner Hände befand sich eine Radschlosspistole, die den Kopf, auf den sie gerichtet war, mit einem schrecklichen Knallen zerplatzen ließ. Aus den anderen Fenstern am Dach sowie auf Bodenhöhe brachen weitere Reichsknechte in schwarz-rot-golden verzierter Kleidung hervor. Elenas ungläubig starrende Augen folgten ihren gezückten Hellebarden und Kurzschwertern. Sie verwickelten die Rebellen in heftige Nahkämpfe. Ihre sonst so kunstvolle Kleidung und die großen Barette mit den langen schwarzen Federn ließen sie wie Monster aussehen. Im Zwielicht verformten sich ihre Köpfe zu grotesken Missbildungen, ihre Arme sahen durch die puffigen Ärmel doppelt so breit aus. Schnitter, ausgesandt von Mors persönlich, sie alle zu holen.
Elena hatte als kanteranisches Kind schon gelernt, sich von den Stadtknechten fernzuhalten. Doch die Reichsknechte waren weitaus gefährlicher, professionelle Soldaten, für die das Töten Alltagswerk war und sie zeigten es. Ihre Stiefel hallten mit markgefrierendem Echo von dem Steinboden wider. Sie trugen Brustharnische sowie Arm- und Beinschienen aus Stahl.
Die großen Metalltore knallten und sendeten eine Schockwelle durch die Gruppe aus Zivilisten. Mit Grauen erkannte Elena, dass ihr Ausweg versperrt war. Sie stand, sich hektisch umsehend, mitten im Raum, im Zentrum des Chaos. Unterdessen versuchten die Krieger der Puño, eine Verteidigung aufzubauen. Doch ihre leichten Rüstungen und behelfsmäßig zusammengestellten Waffen stellten keine ernstzunehmende Gegenwehr für die Reichsknechte, diese schwarzen Schnitter, dar. Sie vermutete einen großen Rammbock am Tor. Schwere Schläge krachten dagegen, der Holzriegel knackte schon bedenklich, bald würde er brechen…
Elena konnte sich aus ihrer Schockstarre lösen und sah sich hilfesuchend um. Ihr Körper war so von Adrenalin überflutet, dass ihr fast schwindelig wurde. Wie komm‘ ich hier raus?! Irgendwo muss es doch einen Ausweg geben. Ich darf nicht sterben! Miguel wird ohne mich nicht überleben. Diego kann sich nicht um meinen Bruder kümmern.
Alle Fenster waren durch Zweikämpfe blockiert. Noch verhinderte das Tor, dass eine weitere Horde Reichsknechte über sie herfiel. Doch der massive Holzriegel splitterte bereits und die Türflügel waren eingedrückt. Die Situation sah düster aus. Nicht mehr lange und die Kämpfer der Puño würden überwältigt werden. Ganz gleich, ob die Tore brachen oder nicht. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Der Großteil der Kanteraner versuchte zu fliehen und die Halle wurde immer leerer. Sie rannten, schubsten und schrien. Ein paar, die zu nahe an die Reichsknechte gerieten, wurden niedergestochen. Elena sah zu, wie einer der Knechte einem ausgemergelten alten Mann die Kehle durchschnitt. Dabei wollte der Greis sich ergeben. Besonders verstörend wirkten seine warmen braunen Augen, denn sie vermittelten trotz der übertriebenen Gewalt ein Gefühl von Bedauern. Entgegen seinem gutmütigen Anschein mordete er unbeirrt weiter. Eine Frau mit leblosen goldenen Augen erstach einen Mann, der vor ihr auf dem Boden kriechend um Gnade flehte. Goldene Strähnen durchzogen ihr hellbraunes Haar. Vorsichtig bewegte Elena sich durch das Chaos. Ich muss vom Tor weg, wenn das aufbricht, sterbe ich. Die andere Seite der Halle. Bestimmt!
Knackend und splitternd schob der Rammbock die Metalltore auf und eine schwarz-rote Flut aus wutentbrannten Mördern ergoss sich in die Halle. Zum Glück war Elena weit in Richtung der hinteren Türen geflohen. Die Reichsknechte hackten auf die Menschen ein und stachen jeden nieder, den sie erreichten. Von Angst übermannt wurde Elena klar, dass das hier ein Sturm ohne Überlebende werden sollte. Sich zu ergeben war keine Option. Eine rothaarige Furie mit vernarbtem Gesicht führte die Horde an, die durch das zerbrochene Tor hereinströmte. Sie schnitt mit ihrer Hellebarde einem bulligen Krieger, der zwei Köpfe größer war als sie, mit einem Streich den Kopf ab. Die Präzision, Schnelligkeit und Gnadenlosigkeit ihrer Bewegungen waren entsetzlich. Sie hob den Kopf auf und warf ihn in die fliehende Menge. Eine Szene direkt aus den Chroniken des Cristobal über das Inferno! Der brennende Märtyrer beschütze uns! Sie wollen uns alle umbringen! Denk nach. Denk nach, Elena, irgendwo muss es einen Ausweg geben. Die Krieger der Puño verlieren! Ich habe nicht mehr viel Zeit. Mühsam schlug sich Elena durch das Gewusel, immer wieder musste sie einer geschwungenen Waffe ausweichen oder über einen Körper steigen, der ihr in den Weg fiel. Nur durch schieres Glück traf sie keines der runden Bleigeschosse aus den Arkebusen, die noch immer wild in die Menge schossen.
Die dunklen Reichsknechte begannen damit, die Gruppe der in der Halle verbliebenen Kanteraner einzukreisen. Elena befand sich in dieser Gruppe. Nein! Sie haben mich! Mierda! Ihre Augen flogen verzweifelt eine Rettung suchend umher. Ohne die geringste Gnade stachen die Knechte jeden nieder. Die Schlinge zog sich langsam und unaufhaltsam zu. Kurz bevor sie an der Reihe war, sah sie eine Lücke zwischen zwei Stapeln aus Kisten. Die dort stehenden Reichsknechte waren abgelenkt, da sie gerade dabei waren einen Kanteraner aus einem Leichenhaufen zu ziehen, um ihn selbst in eine zu verwandeln. Für einen Moment stand ihr Herz still, jetzt oder nie, dann spurtete sie los, übersprang etliche Leichen, stolperte und rutschte mit dem Kopf zuerst in die Lücke zwischen den Kistenstapeln. Auf dem Boden war genug Blut verteilt, sodass sie über den Stein glitt. Sie fand sich in einer Enge inmitten der beiden Stapel wieder. Von Schrammen übersäht stand sie mühevoll stöhnend auf. Hier fühlte sie sich wie in einer Rattenfalle. Auf der anderen Seite der Kisten war eine Tür, die in den Lagerhauskomplex führte. Sie stand schon offen, denn entschlossenere Seelen als sie waren längst in diese Richtung geflohen, tiefer in den Berg hinein. Das ist der einzige Weg ohne Reichsknechte. Wenn ich rauskomme, dann dort, dachte sie hoffnungsvoll. Sie zwängte sich aus der Lücke und rannte auf den offenen Durchgang zu. Ein Knecht, gebaut wie ein Ochse, muskelbepackt und grimmig, stürmte an den Kisten vorbei auf sie zu. Blutüberströmt und grauenvoll brüllend strebte er danach, ihren Weg abzuschneiden. Schneller, ich muss schneller rennen. Er war zu schnell. Er wird die Tür vor mir erreichen! Joder! Lupo! Mierda! verzweifelte Elena und rannte, so geschwind es ihr in ihrer hungernden Erschöpfung möglich war.
Ein junger Kanteraner sprang zwischen sie, ein Knabe von höchstens sechzehn Jahren. Sie erkannte ihn, er bettelte auf denselben Straßen und lebte in einem Waisenhaus. Nur mit einer Sichel bewaffnet, stellte er sich der blutbefleckten Hellebarde des Ochsen entgegen. Wild sein Werkzeug schwingend, hielt er den nemesischen Blutochsen auf. Elena zögerte nicht. Sie rannte durch den Durchgang in die dürftig beleuchteten Minengänge. Ade, kleiner Held, bitte überleb‘, hoffte sie voller Reue.
Die Minenstollen waren dunkler, dumpfer und kälter. Sie holte keuchend andere Flüchtende ein, die genau wie sie, panisch nach einem Ausgang Ausschau hielten und rannte mit ihnen gemeinsam weiter. Niemand kannte sich hier aus, sie waren ja keine Rebellen, deswegen suchten sie den Schutz der Masse. Aufs pure Geratewohl wählten sie sich den Stollen aus, dem sie folgten. Immer wieder spalteten sich ein paar Überlebende von ihnen ab und andere stießen dazu. Es war ein verdammtes Labyrinth, ohne jeglichen Hinweis auf einen Ausgang. Sie erreichten eine zentrale Kreuzung. Elena konnte weit in alle Stollen schauen und als sie in die Richtung sah, in der ihrer Meinung das Lagerhaus lag, gefror ihr Blut. Im Fackellicht auf einer Gabelung stand der Blutochse. Seine Silhouette war nicht zu übersehen, er brach just im Nahkampf das Rückgrat eines Rebellen. Langsam drehte er seinen Kopf in ihre Richtung und sah ihr direkt in die Augen. Sofort stürmte er los und verschwand in der Dunkelheit des Stollens, nur um kurz darauf im Licht einer wesentlich näheren Fackel aufzutauchen. Zwischenzeitlich war nur das erschreckende Stampfen seiner Stiefel zu hören. Ähnlich einem sich schnell nähernden donnernden Gewitter kam er auf sie zu. Er brüllte irgendetwas, das entsetzlich und unverständlich durch die Mine hallte. Rohe uneingeschränkte Panik übernahm die Kontrolle über Elena. Sie stürmte los. Wohin war egal, Hauptsache weg von ihm.
Wie ein Haufen aufgescheuchter Karnickel teilte sich ihre Gruppe der Überlebenden in alle Stollen auf, die von dem Ungetüm fortführten. Elena rannte völlig kopflos davon, ohne auf ihre Mitstreiter oder die Umgebung zu achten. Deswegen fand sie sich unversehens wieder allein flüchtend vor. Ihr Magen stach sie regelmäßig vor Hunger und sie sah Sterne. Sie hörte neben ihren Schritten ihr wildes Herzklopfen und Schnaufen, wie andere unglückliche Fliehende aufgegriffen und niedergestreckt wurden. Jedes Mal, wenn das passierte, änderte sie schnell die Richtung, in die sie lief. An einer der folgenden Kreuzungen bot sich ihr ein weiteres schreckliches Bild: Zwei Reichsmaiden erwürgten einen älteren Mann mit bloßen Händen. Ihre Gesichter waren hart und eiskalt. Kurz blieb sie geschockt stehen, doch dann wurde sie ihrer selbst wieder Herrin und spurtete los. Die Maiden schrien ihr hinterher, ihre Worte verzerrten sich unverständlich in den groben steinernen Stollen.
Letztlich umrundete sie eine Ecke und betrat eine größere mehrstöckige Höhle, in der die meisten Zechen auf verschiedenen Ebenen zusammenstießen. Eine erschreckende Szene offenbarte sich ihr. Einige mutige Rebellenkrieger der Puño de Justicia hatten sich hier zu einer Art letztem Gefecht zusammengefunden. Ihre Augen strahlten den Mut der Verzweiflung aus. Viele Kanteraner hatten das als sichere Umgebung missinterpretiert. Diese wurden jetzt von Reichsknechten brutal erledigt. Eine dunkelhäutige Reichsmaid entriss einer Mutter auf einer höheren Ebene ihren Säugling und warf ihn in die Menge an der Sohle. Als die Mutter das Leben ihres Kindes enden sah, stürzte sie sich hinterher. Beide zerplatzten, als sie auf dem harten Boden aufschlugen, und erschraken die Kämpfenden dort. Das war für Elena um Längen zu grauenhaft, sie wandte den Blick ab und wollte schon in den nächstbesten Gang fliehen, als sie etwas bemerkte.
Ein ihr unbekannter hagerer Mann rief sie zu sich: „Folge mir, ich weiß, wie wir herauskommen.“, schrie er. Blutüberströmt sah er alles andere als freundlich aus, aber Elena meinte, sein Gesicht in der Menge der Zivilisten gesehen zu haben. Besser er als einer der blutrünstigen Uniformierten! Wortlos rannte sie ihm hinterher in einen der Stollen, der tief in den Berg führte und einige scharfe Kurven machte. Ihre Ohren knackten und der Kampflärm wurde stetig leiser. Sie nahm ihre Schritte und Atmung um einiges klarer wahr, derweil ihre Silhouetten schaurige Schatten an die Wände der Stollen warfen. Ihre Lunge brannte in der kühlen Minenluft und das Atmen fiel ihr zunehmend schwerer. Abrupt blieb ihr Führer stehen, mitten im Gang vor ihnen kämpften ein Reichsknecht und einer der wenigen überlebenden Rebellen. Sie erkannte, welcher Knecht es war. Von all den wahnsinnigen Mördern stand ausgerechnet der hijo de puta hier! Sie zog ihren Wegfinder mit sich in eine dunkle Nische und presste ihm eine Hand auf den Mund: „Shhhh! Er hat uns nicht gesehen. Hier findet er uns vielleicht nicht“, flüsterte sie kaum hörbar. Sofort wurde er still. Sie hörten dem Kampf angespannt zu. Ihr kanteranischer Bruder schrie aus voller Kehle: „Libertad! Libertad o muerte!“[4], wieder und wieder. Der Blutochse erwiderte in beherrschtem Ton: „Halt’s Maul! Stirb schweigend!“ Seine Stimme klang grauenvoll in ihren Ohren. Gleich dem Fluch eines Dämons. Darauf folgte ein ekelhaftes schlitzendes Geräusch, dann ein Röcheln und nach längerem Warten fiel etwas Massiges zu Boden. Beunruhigenderweise war bis auf die entfernteren Kampfgeräusche nichts mehr zu hören.
Plötzlich kamen schwere Schritte auf sie zu. Ihr Herz schlug so schnell, dass es schmerzte. Sie erstickte fast bei dem Versuch, so leise wie möglich zu atmen. Die Schritte wurden lauter, ihr wurde übel. Schließlich sahen sie den unheimlichen Schatten des Blutochsen an ihrer Nische vorbeiziehen. Wie ein hungriger Tiger schritt er davon. Vor Anspannung bemerkte sie nicht einmal, dass sie sich so heftig in die eigene Hand gebissen hatte, dass sie blutete. Mit ihren Beinen presste sie sich gegen den kalten Felsen, um keine Geräusche zu machen.
Die schweren Schritte des Blutochsen verhallten im Stollen. Er hat uns nicht bemerkt, vielleicht ist der brennende Märtyrer doch wirklich mit uns! Hoffte Elena. Als er außer Hörweite war, atmeten sie auf. Vorsichtig krabbelten sie aus ihrer finsteren Nische. Sie zitterten am ganzen Körper und waren schweißgebadet. Ihr Begleiter übergab sich heftig. Erst, als sie sich halbwegs beruhigt hatten, bewegten sie sich gemeinsam weiter den dunklen Minenschacht entlang und fanden sich überraschend im Lagerhauskomplex wieder. Beide waren scheinbar im Kreis gelaufen und befanden sich im Keller des Lagerhauses. Sie versteckten sich schnell hinter einer Reihe aus Kisten, denn sie sahen eine Reichsmaid. Eine Halborkin, der sich drei Kanteraner ergeben hatten, stand drohend im Raum. Gefangene? Können wir uns vielleicht doch ergeben? Das kann nicht sein, es ist noch kein einziger bisher mit dem Leben davongekommen. Ich kann nicht mehr. Ich will nur noch raus und weg. Die Proteste und das Flehen der drei brachen mit einem Mal ab, als die Reichsmaid hinter ihre Geiseln trat, einen Zweihänder hob und mit einem einzigen Schnitt alle drei Gefangenen enthauptete. Die Köpfe flogen von den Körpern, welche erschlafften und zu Boden fielen. Mit einem kunstvollen Schwung warf sie das Blut von der Klinge und bewegte sich entschlossen in Richtung des immer noch leise zu hörenden Kampflärms in der Mine. Elena und ihr Kumpan trauten sich erst Minuten, nachdem die Reichsmaid gegangen war, aus ihrem Versteck.
Vorsichtig schlichen sie durch die Gänge und die mit Kisten gefüllten Räume. Es stank nach Rauch und Eisen. Elenas Nase brannte inzwischen genauso wie ihre Lunge. Ihre Glieder schmerzten vor Erschöpfung. Im Schutt auf dem Boden lag eine Reihe von Leichen. Die Knechte sind hier schon durchgezogen. Jegliche Hoffnung, hier andere Kanteraner zu treffen, war verflogen, als sie es unverhofft schafften, unbeachtet hinter eine Gruppe aus vier Überlebenden zu kommen. Die kennen bestimmt einen Ausweg! Ihr Begleiter und sie schauten sich kurz in die Augen und nickten, sie folgten den Rebellen unbemerkt. Diese bewegten sich eindeutig auf einen Ausgang zu, als sie auf einen Halbelf trafen, ein Zweihänder lag in seinem Schoß. Sie schlichen beide bis an die Tür zu dem Raum und Elena spähte durch den Türschlitz. Der Reichsknecht saß in einem Raum vor einer Treppe nach draußen auf einer Kiste, umringt von Leichen. Sein Aussehen war ungewöhnlich fein und seine spitzen kleinen Ohren sowie die hellgrünen entschlossenen Augen stachen deutlich hervor. Sie hörten ihn urteilen: „Nemesis vergibt viel, aber ihr habt euch unverzeihlich schuldig gemacht!“ Elena zuckte angewidert zusammen. Einer der Kanteraner rief: „Somos cuatro, podemos vencerlo!“[5] Wild stürzten sie sich auf den Halbelfen. Dieser stand lautlos auf und nahm mit dem Zweihänder eine seitliche Grundstellung ein. Sobald der erste Rebell in seine Reichweite kam, schnitt er diesem die Kehle durch. Blut spritze quer über den Boden, als dieser zusammensackte. Mit seinen Händen am blutüberströmten Hals keuchte er liegend sein Leben aus. Der Halbelf nahm wieder konzentriert seine Grundstellung ein. Dem wütenden Racheangriff der Übrigen begegnete er mit drei flüssigen Schnitten, die dem ersten Rebellen das Bein am Knie abtrennten, dem zweiten den Bauch aufschnitten sowie den dritten entwaffneten und aufspießten. Mit einem Schwung befreite er die Klinge von Blut, stellte seinen Zweihänder ab und ging mit einem Dolch in der Hand zu jedem, der noch lebte, um ihn endgültig zu töten. Danach setzte er sich wieder auf die Kisten in der Mitte des Raumes und reinigte mit gesenktem Kopf die Klingen mit einem Tuch.
Elena betrachtete alles mit in Horror aufgerissenen Augen und flüsterte ihrem Begleiter ins Ohr: „Hier kommen wir nicht vorbei, wir müssen woanders raus.“ Ihr Begleiter war vollständig erstarrt, sie kniff ihm in ein Ohr, damit er sich endlich wieder regte. Er nickte nur, während er ungläubig den Halbelfen anstarrte. Sie zog ihn von der verstörenden Szenerie fort.
Verloren und verzweifelt bewegten sie sich weiter durch verzweigte Flure und Lagerräume. Ohne eine Idee, wie sie von hier entkamen. Endlich betraten sie einen größeren Lagerraum mit einem kleinen Kellerfenster. Sie sahen von draußen Mondlicht durch das verschmierte Glas scheinen. Da käme ich raus! Keimte wieder Hoffnung in Elena auf. Aber aus einer Ecke des Raumes nahmen sie eine Bewegung wahr – eine Reichsmaid! Goldene Augen, goldene Strähnen, mit Tränen in den Augen sah sie ihnen ins Gesicht. Das wars, ich bin tot, Miguel, verzeih mir, schoss es Elena durch den Kopf. Die Reichsmaid erhob sich langsam von einer der Kisten. Mit dem blutigen Kurzschwert in der Hand kam sie auf Elena und ihren Begleiter zu und blieb zwei Meter vor ihnen stehen. Elena schaute ihren Begleiter an und erkannte genau, dass sie beide verstanden, in einem Kampf würden sie unweigerlich sterben. Ich muss nur schneller als er laufen, plante sie schon gnadenlos. Überraschend schlug die Maid ihre Augen nieder und steckte ihren blutbefleckten Katzbalger in die Scheide zurück. Zitternd zeigte sie auf eine versteckte Tür in der Ecke des Raumes hinter einem hohen Haufen von Kisten. Misstrauisch schauten beide sich in die Augen und rannten nach kurzem Zögern doch dorthin. Auf dem Flur hörten sie schon Schritte schwerer Stiefel. Elena zog an der Tür und… sie klemmte! Sie zerrte noch ein paar Mal, immer härter.
„Ábrelo. Vamos. Ábrelo! Rápido!“[6], drängte ihr Begleiter.
Gehetzt zog er hastig mit an dem Knauf. Die Tür rührte sich nicht. Die Maid brach inzwischen in Tränen aus.
Elena keuchte: „No podemos. Está atascada. Tenemos que salir de aquí. Hora!“[7]
Sie rannte direkt zur Maid und flehte: „Du willst doch auch, dass das Morden aufhört. Bitte hilf mir! Hilf uns! Ich habe einen kleinen Bruder, Miguel. Er wartet auf mich. Ich war nur hier, weil es etwas zu essen gab. Politik ist mir doch völlig egal! Ich bin doch auch Nemesier. Erbarme dich, führ uns raus. Bitte!“ Doch die Maid umschlang sich selbst mit ihren Armen und weinte weiter. Derweil hastete ihr Begleiter zum Durchgang, durch den sie den Raum betreten hatten. Abrupt blieb er stehen, aus seinem Rücken ragte die Spitze eines gebogenen Taisho-Schwertes. Panisch wandte Elena sich um und rannte zu dem kleinen Kellerfenster. Es ist gerade groß genug, dass ich durchpasse. Sie wickelte etwas von ihrer Kleidung um ihre Faust und schlug das verschmierte Glas ein, ohne hinter sich zu blicken. Etwas Schweres sackte auf den Boden und Schritte kamen näher. Das bittere Weinen und Klagen der Reichsmaid übertönte die meisten anderen Geräusche. Elena wusste, sie musste hier raus. Jetzt! Sie sprang hoch und schnitt sich fürchterlich an den vielen Glasscherben. Ihr war es egal, momentan zählte nur ihr eigenes Überleben.
Sie zwängte sich durch und roch schon die frische Luft.
Da brüllte eine helle Männerstimme: „Wo sind sie, Freya. Du weißt es doch! Du hast sie gefunden! Gib sie auf! Sie alle verdienen, was mit ihnen geschieht!“
Die weinende Frau antwortete: „Es ist genug! Schau, was aus dir geworden ist! All das Blut, so viele Tote. Da waren Zivilisten dabei, Leonidas! Zivilisten. Hör auf, ich flehe dich an! Bevor du dich noch vollends verlierst!“
Der Mann brüllte: „Halt die Schnauze! Moral zählt hier nichts mehr. Moral konnte ihn nicht retten – kann niemanden retten. Es wird hier enden. Ich zeige es dir! Wir gewinnen, dann endet es!“ Elena war fast im Freien, da hörte sie die Schritte auf sich zukommen.
Schreie der Maid begleiteten sie: „Nein! Lass sie laufen! Sie hat hiermit nichts zu tun!“
Eine Hand packte Elena brutal, als sie aufstehen wollte. Ich war doch schon draußen! Sie wurde gnadenlos nach unten gezogen. Seine Kraft war erschreckend. Er zwang sie durch die Scherben zurück in den Keller. Sie schnitt sich erneut tief am ganzen Körper. Fürchterlicher Schmerz betäubte sie fast bis zur Besinnungslosigkeit. Der brüllende Knecht schüttelte sie heftig, um sie bei klarem Verstand zu halten. Ihre Sicht klarte auf und sie nahm den gesamten Raum wahr. Er war voller Reichsknechte. Unter ihnen befanden sich die Säuglingsmörderin, der Blutochse, die Halbork-Henkerin, der Akrobat, der durch das Fenster gesprungen war und die weinende Maid. Ihre feinen und edlen Uniformen mit den kunstvollen puffigen Ärmeln und goldenen Verzierungen auf dem imperialen Schwarz und Rot, alle waren blutbefleckt und verschmutzt.
Hier stand ihr Tribunal. Besudelt in einer beispiellosen Gewaltorgie. Ihre Gesichter spiegelten keinen Blutdurst wider, sie waren teilnahmslos.
Ein junger Nemesier mit braunen Augen, braunem Haar und einer sichelförmigen Narbe über dem linken Auge war es, der Elena in den Keller zurückgezogen hatte, Freya anschrie, ihr Gesicht brutal in seinen Händen hielt. Er zwang sie Freya anzusehen. Sein Blick war durch Blutdurst und blanke Wut gezeichnet. Elena konnte nicht mehr an sich halten und weinte bitter.
Der Knecht mit dem Namen Leonidas zog sein krummes Seidenlinienschwert und legte die Spitze drohend an Elenas Hals. „Entscheide, Freya, wer darf leben? Die Barbaren, die ihn umgebracht haben oder dieses kanteranische Miststück.“
[1] „Seid ruhig! Scheiße, Leute. Haltet die Schnauze!“
[2] „Erlaubet mir in Hochnemesisch zu sprechen, da leider nicht alle unserer Geschwister Kanteranisch sprechen können.“
[3] Der brennende Märtyrer Christobal in den Flammen des Infernos.
[4] „Freiheit, Freiheit oder Tod!“
[5] „Wir sind zu viert, wir können ihn schaffen!“
[6] „Na los. Schnell. Öffne es!“
[7] „Ich kann nicht. Es klemmt! Wir müssen von hier verschwinden!“