








… Wie sagte Knut immer wieder? „Nur die Harten kommen in den Garten und die Weichen werden zu Leichen.“ Um hart werden zu können, hatte Knut seinen persönlichen Freund, den Elfenbarbaren Ekisszar Trisstina überredet sich ihm anzunehmen. Ein Hüne von Elf, so breit wie ein Wandschrank. Arme wie Baumstämme. Braungebrannt und er schaffte locker hundert Kilo auf einer Hantelbank. Auf seinen Lippen trug er stets ein humorvolles Lächeln. Ulf wunderte sich, wie viel Zeit es einen grazilen Elfen gekostet haben musste, zu so einem Bollwerk zu werden. Trisstina hatte eine Morgenroutine extra für ihn entworfen. Erst ein strammer Lauf von fünf Kilometern, dann im Wechsel Liegestütze, Bauchaufzüge und Kniebeugen, bis jeweils einhundert erreicht wurden. Danach Wettlauf mit Trisstina und Armdrücken. Sollte er jemals gegen ihn gewinnen, könnten sie mit dem Sparring anfangen. Vorher sorgte sich Trisstina, dass er den Kleinen aus Versehen töten könnte. Zunächst war Ulf froh, wenn er jeden Morgen überlebte. Danach gab es immer das sehr reichhaltige Frühstück in der Abenteuerergilde von Hotrand, wo sich auch sein kleines Kämmerchen befand. In Gildentradition gab es alle Mahlzeiten als vom Gildengewinn finanzierte Buffets. Mitglieder der Gilde aßen kostenfrei, Externe mussten zahlen und nicht wenig: 10 Kupferstücke. Ein Vermögen für den Arbeiter oder Bauern der Republik. Manchmal gönnten sich Mitglieder der Partei, also Ratsmitglieder oder Kommissare, eines der Buffets. Seltener Offiziere der Roten Garde.
In den meisten Gildenhäusern mussten sich die Anfängerränge Gruppenräume teilen, in Hotrand war das anders. Das Gildenhaus war wegen des Alters und der inzwischen verblichenen Bedeutung der Stadt riesig, aber die Mitgliederanzahl gering. In Hotrand selbst lebten knapp über tausend Menschen, in einer Stadt, die Zehntausende fassen konnte. Das war auch der Grund, warum die südlichen Viertel verlassen und verfallen waren. Entsprechend gab es weniger Abenteurer in der Gilde und es waren mehrere Zimmer frei. Aus der stickigen Arbeiterwohnung seiner Eltern, Arbeiter der Maurergilde, in ein eigenes privates Zimmer zu ziehen, war eine unglaubliche Verbesserung seiner Lebensqualität. Nicht mehr mit seinen fünf Geschwistern im selben kleinen Raum zu schlafen eine regelrechte Befreiung. Auch wenn er zuweilen seine Familie vermisste. Dieses Problem war jedoch schnell gelöst, denn er musste nur wenige Minuten gehen, um sie zu besuchen. Seine Familie war vor allem stolz, neidisch und besorgt. Stolz, dass er es geschafft hatte, neidisch, weil er mit Hilfe von außen dem Arbeiterleben entfliehen konnte und besorgt, weil sie glaubten, er würde jeden Tag in Lebensgefahr schweben. Geschafft, denken sie, dabei bin ich noch lange kein wirklicher Abenteurer, ich könnte jederzeit noch scheitern, dachte Ulf. Zu all den Neuerungen kam auch hinzu, dass er zum ersten Mal in seinem Leben Geld übrighatte! Zwar nur ein paar Kupfermünzen, aber sie gehörten ihm, er hatte sie selbst verdient und konnte mit ihnen machen, was er wollte. Einmal gab er alle für eine heiße Schokolade aus, teuer, aber der süße Geschmack hatte ihn beinahe von den Füßen gefegt. Nahm er mal von einem seiner Aufträge besonders viele Kupfermünzen ein, gab er die Hälfte davon an seine Familie ab, manchmal mehr. Etwas, das besonders seine Geschwister sehr zu schätzen wussten. Seine Eltern taten sich schwer damit, dass ihr Junge mehr Geld nach Hause brachte, als sie in einem Monat verdienten, trotzdem waren sie dankbar für die Unterstützung.
Sein eigener Enthusiasmus wurde vor kurzem etwas getrübt, denn traurigerweise musste eines seiner Idole, der Feuerritter des Nemesischen Reiches, Magnus Schulz, die Stadt verlassen. Bevor er ging, lud er noch eine ganze Waffenkammer von Langbögen, Langschwertern, Rapieren, Kurzschwertern und Kurzbögen inklusive der Pfeile in der Abenteurergilde ab. Mit einem Mal waren viele der Neulinge wesentlich besser ausgerüstet und die Lebenserwartung stieg drastisch. Traurig hatte ihm Ulf in den ockerfarbenen Horizont hinterhergeblickt, als der Ritter in feuerroter und goldener Rüstung auf seinem prächtigen Kriegsross davongeritten war. Magnus war der Erste, der ihm eigene Waffen und ein Kettenhemd gab. Leider waren diese Gegenstände bereits in seinem Training beschädigt und abgenutzt worden. Seitdem kümmerten sich hauptsächlich Knut und der weit über zwei Meter große Titus, der immerzu in der mächtigen schwarzgoldenen Rüstung der Gefährten des Drachenkaisers herumlief, um ihn. Tatsächlich habe ich Titus noch nie ohne die Rüstung gesehen, wunderte sich Ulf. Die Gruppe, der diese Personen angehörten, sie waren sein Ideal, das, was Ulf werden wollte, mehr als alles andere auf der Welt.
Der Tag heute startete mit dem legendären Auftrag bei einem Ratsmitglied, dem Rat der Fischersleute, die Regenrinnen an der Villa zu reinigen. Das Ganze für drei glorreiche Kupferstücke. Mit neuen Stiefeln ausgerüstet taten ihm schnell die Füße weh, denn sie waren noch nicht eingelaufen. Zudem ächzten alle Muskeln seines Körpers und er freute sich auf die Regenerationsphase am Wochenende. Nichtsdestotrotz trottete er frohen Gemüts durch die hellen lebhaften Straßen von Hotrand, in denen die Bauern der Region ihrem Tagewerk nachgingen. Ihr geschäftliches Treiben – Besorgungen, Lieferungen oder Verkäufe – füllten die in der Woche ansonsten leeren Straßen. Er wand sich geschickt durch den morgendlichen Trubel, kaufte bei seinem Lieblingsbäcker ein Nussstrudelstück und war wieder mal all sein Geld los. Bei der Villa angekommen, schickte ihn der mürrische Haushofmeister zu dem Geräteschuppen im hinteren Bereich des Gartens, dort würde er die notwendige Leiter finden. Mit dieser ausgerüstet, begab er sich in schwindelerregende Höhen, denn das Haus besaß drei Stockwerke. Besonders an den Ecken des Hauses betete Ulf alle Götter an, die ihm bekannt waren. Ungeachtet der absoluten Irreligiosität der Räterepublik. Es war pure Todesangst, den Fall aus der Höhe des dritten Stocks würde er zwar überleben, aber in ein Schuldverhältnis mit einem Abenteurer geraten. Denn die Heiler unter ihnen wussten ganz genau Frischlinge für ihre Zwecke auszunutzen. Oft genug endete eine derartige Schuldbegleichung nicht darin, dass mit Geld beglichen wurde, sondern mit potenziell tödlichen Gefälligkeiten. Was Ulf nicht verstand, war, dass sie in dem Herrenhaus nicht den eigenen Hausmeister diese Arbeit erledigen ließen, denn der bekam sowieso regelmäßiges Gehalt. Na ja, besser für mich, dachte er grinsend.
Nach getaner Arbeit schickte ihn der brummige Haushofmeister mit seinen drei Kupferstücken fort und erinnerte ihn daran, bloß nichts mitgehen zu lassen, auch nicht die Leiter. Beleidigt dachte Ulf: Sehe ich aus, als würde ich fünf Meter Leiter stehlen müssen? Höflich verabschiedete er sich und machte sich auf den Weg zum Marktplatz. Seine kurze Pause wollte er mit einem Brötchen füllen. Auch hoffte er seine Helden vom Teekessel, der Taverne für reiche fremde Abenteurer, losziehen zu sehen. Das Glück war ihm heute hold, dort sah er sie: Angeführt von der Waldelfe Andùne schritten sie zu ihrem nächsten großen Abenteuer. Sie hatte ständig einen so verbissenen Gesichtsausdruck, der im Kontrast dazu stand, wie schön ihre rötlichen Haare im Wind umherflatterten. Ihr folgte Franz der Magier, der zur Tarnung in gewöhnlicher Leinenkleidung umherlief, immer mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze. Dahinter Titus, wie immer in seine prächtige Plattenrüstung gehüllt, der Paladin Andras und neuerdings ein Kommissar und ein kleiner blauer Elf. Merkwürdige Zeiten sind das, klügelte Ulf.
Für seinen Mittag hatte er sich den heldenhaftesten aller für ihn freigegebenen Aufträge ausgesucht; Unkraut jäten auf dem Hotrander Friedhof. Dieser war ein gefährlicher Ort, aber nur in den unteren Katakomben. Aus irgendeinem Grund hatte sich die Anzahl an Aufträgen, besonders in Bezug auf das Schneiden von Pflanzen in den letzten Tagen beträchtlich vermehrt. Immerhin bezahlten die Hotrander Friedhofswächter gut, acht Kupfer. Geld ist Geld, dachte er und trottete los. Der Friedhof lag etwas außerhalb, zum Glück, bei all dem umhergeisternden Horror, den er verbarg. Eine junge Halbelfe, Akolythin der Friedhofswächter, erwartete ihn und führte ihn zu einer Reihe von fünf stark überwucherten Steinsärgen. Der Unterschied zwischen Elfen und Halbelfen war an den Ohren erkennbar. Die der Elfen waren wesentlich länger und liefen spitz zu. Zudem war das Verhalten von Elfen sonderbar, denn Sie bewegten sich anmutiger und schienen häufig geistig abwesend zu sein. Cassyt pflegte dagegen einen ruppigen Gang, ganz ohne Grazie. Er bekam Axt, Säge und Schere in die Hand gedrückt und begann voller Tatendrang die antiken Särge zu befreien. Die Reihe befand sich ganz in der Nähe einer der Treppen in den Untergrund. Tagsüber wuselten einige Friedhofswächter über das Gelände, doch nachts herrschte hier beklemmende Stille. Die im Tageslicht nur sporadisch zu vernehmenden unheimlichen Geräusche aus dem Untergrund wurden dann zu lauten Gruselsymphonien. Die Wächter versperrten bei Dunkelheit alle Eingänge in die Unterwelt, die sogenannte Nekropolis und hinterließen eine Nachtwache. Als er die Hälfte des dornigen und juckenden Urwaldes gerodet hatte, kam eine der Frischlingsgruppen vorbei. Einige abschätzige Blicke erreichten ihn, denn Ulf hatte ihnen mehrfach abgesagt, sie brauchten dringend mehr Leute. Ihre Zusammensetzung entsprach der häufigsten Aufstellung von Abenteurergruppen. Ein Kleriker, eine Magierin, eine Schurkin und ein Krieger. Ulf selbst wollte auch ein Krieger werden, so wie Knut. Aber sie alle, ihn eingenommen, waren noch so blutjung. Besorgt sah er ihnen nach, als sie in der Dunkelheit der Treppe verschwanden.
Angespannt schnippelte er an seinem Gestrüpp, während jedes Geräusch für ihn wie eine Katastrophe für seine Mitabenteurer im Untergrund klang. Eine Krähe, die lautstark krächzte, war für ihn im ersten Moment ein untotes Monster, das über die Gruppe herfiel. Das Knacken von dicken Ästen das Zusammenbrechen der Kammer, in der sich die Gruppe befand. Übertrieben, das wusste Ulf auch, aber er fürchtete, seine Kameraden würden in der Dunkelheit ihr Leben lassen. Kurz bevor er seine Aufgabe beendete, erschien die Gruppe aus Frischlingen wieder im Sonnenlicht, schwer in Mitleidenschaft gezogen, übersät mit Verletzungen und ohne die Schurkin. Die Blicke gen Boden gerichtet verließen sie schleppend den Friedhof. Er sah, wie sie erleichtert Aufatmeten, wieder an der Sonne zu sein. Schockiert und wütend hielten sie einander aufrecht. Währenddessen widmete sich Ulf weiter der Gartenarbeit. Statt sie direkt zu fragen, was passiert war, wandte er sich an die Akolythin Cassyt: „Was ist mit ihnen passiert? Was mussten sie machen?“
Cassyt antwortete ruhig, auch wenn Ulf ihr die Betroffenheit ansehen konnte: „Du weißt doch, wie es läuft. Man hört diese Geschichten zu oft. Ein paar junge Frischlinge nehmen sich zu viel vor. Dieses Mal hat es leider wieder eine nicht zurück geschafft.“
Ulf fragte neugierig: „Wie tief sind die denn hinabgestiegen? Sie müssten es doch besser wissen?“
Cassyt runzelte die Stirn: „Dein Mentor schützt dich vor solchen Entscheidungen, aber die vier haben sich in die mittleren Ebenen gewagt. Dort ist neulich ein weiteres Mausoleum von Skeletten und Zombies überrannt worden. An sich keine große Sache, aber zu viel für vier Neulinge.“
Ulf sagte bedauernd: „Alles, um aufzusteigen. Weißt du, sie wollten, dass ich Teil ihrer Gruppe werde…“ „Sei froh, dass du nicht mitgegangen bist. Oder glaubst du, ausgerechnet deine Anwesenheit würde den großen Unterschied machen, Junge? Was, wenn du mitgegangen wärst? Vielleicht hätten alle überlebt, vielleicht wäre sie trotzdem gestorben. Vielleicht wärst du auch einfach mit ihr zusammen gestorben. Wirf dein Leben nicht so billig weg.“ Sagte Cassyt entschieden.
Ulf räusperte resigniert: „Es ist trotzdem schwer sich nicht schuldig zu fühlen“ und blickte ihr tief in die Augen.
„Fühlen kannst du dich wie du willst. Aber hier und jetzt lebst du. Du bist zu jung, um so einfach zu sterben. Das war die Schurkin auch.“
Er schlug seine Augen nieder: „Ich bin fertig.“ Dabei deutete er auf die nun wieder alt und prachtvoll freistehenden Steinsärge. Bereit, erneut zuzuwachsen.
Mit neuem Kupfer ausgerüstet ging er sich sein Mittagessen besorgen. Tief in Gedanken versunken, brauchte er eine erneute Bestätigung für seinen Lebensweg. Deswegen entschied er sich dazu, im Feldrescher, der einschlägigen Bauern- und Arbeiterkneipe zu essen. Dort gab es immer gutes deftiges Essen: Schweinswurst mit Fischsoße.
Er spuckte die halbe Wurst wieder aus, als eine massive Pranke ihm auf den Rücken klopfte: „Ulf, na mein Junge? Hältst du dich gut?“ Nachdem er sich den Mund abgewischt hatte, blickte er ehrfürchtig und erfreut in das liebenswürdige vernarbte Gesicht von Knut. Wie dunkle Schlangen wanden sie sich durch seine lebensklugen Falten.
Er antwortete: „Ich habe nicht das Gefühl, dass es vorwärts geht.“
Knut hob kritisch eine Augenbraue: „Wieso das?“
„Heute ist die Schurkin Sarah von dieser Frischlingsgruppe ‚Den Jägern der Nacht‘, in den Katakomben gestorben. Du weißt schon, sie wollten, dass ich bei ihnen mitmache, als Barbar.“ Knut setzte sich mit einem Literkrug Bier gegenüber von ihm hin. Die altersschwache Bank ächzte bedenklich unter seinem Gewicht.
Er blickte ihn väterlich an, als er, sich offensichtlich in dieser Rolle gefallend, erklärte: „Ich weiß. Ich war selbst als Frischling bei allem dabei. Was glaubst du, wie viele von uns überlebt haben?“
Ulf überlegte kurz und sagte schroff: „Keiner, es sind alle tot.“
Knut musste auflachen: „Nein, mein Junge, so schlimm ist es nicht, die Meisten ham den Beruf an den Nagel gehängt. Sie wollten keine Freunde mehr sterben sehen. Ich hab auch auf die harte Tour gelernt mir nen Mentor zu suchen. Und ich war schon früh gut, hab aber alles improvisiert. Ich hatte also nur Glück. Ohne eine ordentliche Ausbildung spielst du ein Glücksspiel mit gegen dich gewichteten Chancen. Du glaubst doch sicher, du hättest ihr helfen können, oder gar ihren Tod verhindern können, ist es nicht so?“
Ulf antwortete zögerlich: „Naja, unfähig bin ich ja nicht…“ Knut knallte mit seiner flachen Hand so heftig auf ihren Holztisch, dass der Wirt schon böse zu ihnen herüberschielte.
Er rief aus: „Ich habs gewusst! Du hast den Heldenkomplex. Du bist Idealist und damit ein Idiot. Keine Sorge, das ist keine Beleidigung. Idealisten sind herzensgute und liebenswürdige Idioten. Meistens jedenfalls. Sieh her!“ Dabei zeigte Knut ihm die Heerschar an düsteren Narben auf seinen Armen. Eine Narbe verlief in einer rußgeschwärzten Blattform, die anzeigte, dass seine gesamte rechte Hand in zwei Hälften geteilt worden war.
Knut sah den Blick und sagte: „Ja, ohne die Alchemistengilde und ihre magischen Rosentränke hätte ich meine rechte Hand verloren. Kannst du dir das vorstellen? Ich bin zu allem Überfluss auch noch Rechtshänder!“ Ulf lachte, weil er das Gefühl hatte, dass Knuts Pause das nun verlangte.
Dann fuhr Knut zufrieden fort: „Kleiner, aber du bist noch nicht gut genug, dass deine Anwesenheit was ändert. Wahrscheinlich hättest du nur parallel deine Schicksalswürfel gerollt und wärst ein weiteres Problem gewesen. Vielleicht wäre jemand dabei gestorben dein Leben schützen zu wollen. Ich weiß! Ich weiß! Du glaubst mir nicht. Helden werden nur die, die sich ihre Leichtsinnigkeit auch leisten können. Jene, die sich im Notfall auch selbst retten können. Andere kannst du erst retten, sobald du auf dich selbst achten kannst. Davor ist deine Anwesenheit lebensgefährlich. Deswegen beharren Ekisszar und ich darauf, dass du erst trainierst, bevor du Leben leichtfertig riskierst. Ein Fehler, den zu viele Frischlinge machen und in Dunkelheit enden.“ Ulf war frustriert, er wusste, dass Knut Recht hatte, wollte das aber auf keinen Fall zugeben.
Er erwiderte trotzig: „Ist das nicht leicht für dich zu sagen? Du bist bereits erfolgreich. Du hast es bereits geschafft eine örtliche Legende zu werden. Du stehst im Licht. Du lebst noch, obwohl du deinen eigenen Rat damals nicht befolgt hast.“
Knut knurrte ihn an: „So Bursche, jetzt hörst du mir mal zu, wie kannst du all die Narben sehen und dumm und ignorant bleiben? Mir wären nur ein oder zwei gut platzierte Narben lieber gewesen, als von ihnen so übersät zu sein! Glaubst du nicht, meine Weggefährten und Freunde von damals wären mir nicht lieber lebend, als bloße dunkle Schatten in der Erinnerung zu sein? Was glaubst du denn, warum ich so sehr darauf achte, nicht zu sterben, obwohl wir so viele Möglichkeiten haben jemanden wiederzubeleben? Ja, alles scheint schön und gut, wenn du einen Magienutzer mitbringst. Jemanden von den Toten zurückzubringen, ist übrigens Nekromantie Kleiner, nur falls du die falschen heiligen Ideen hattest.“
Ulf erwiderte angestrengt: „Ist ja gut, ich seh‘s ja ein.“
Knut machte unbeirrt weiter: „Nein, du willst nur nicht weiter belehrt werden, deswegen wirst du mir bis zu Ende zuhören, Junge. Irgendwelche Einwände?“
Ulf konnte fühlen, wie Knuts blaue Augen ihn durchbohrten.
„Nein,“ sagte er kleinlaut.
„Gut,“ sagte Knut und lehnte sich dabei so über den Tisch, dass sein Schatten beinahe Ulf einhüllte:
„Was du nicht weißt, weil‘s keiner euch Frischlingen verklickert, ist, dass du nicht ganz vom Tod zurückkommst. Ich kenne Leute, die mehrmals wiederbelebt wurden und von denen sind Teile im Jenseits verschwanden. Mit der Zeit sind sie – leer – nichts. Je länger man tot ist, desto schlimmer ist es. Mors sieht es nicht gerne, wenn man in seiner Domäne herumpfuscht. Jeder Tod ist so gefährlich, als wär‘s der einzige Tod, den du erleiden könntest. Irgendwann ist es irrelevant, ob sie es schaffen deinen Körper wiederzubeleben, dann ist nichts mehr von deiner Seele übrig. Deswegen wirst du, als mein Schüler, gefälligst ordentlich ausgebildet, bevor du vor einer Horde Skelette und Zombies stehst. Vielleicht wirst du dann einer Schurkin, die du magst, helfen können!“
Auch wenn es Ulf nicht gefiel, akzeptierte er doch Knuts Weisheit und untermalte das, indem er sich selbst ein Halbes bestellte und mit Knut darauf anstieß, dass er auch weiterhin lebte. Der Raum hellte sich für ihn merklich auf. Danach war er wieder arm.
Für den Nachmittag nahm er einen Auftrag eines örtlichen Herbalisten an. Der stark untersetzte Mann brauchte zwölf verschiedene Pflanzen. Da Ulf in keiner Weise als Herbalist ausgebildet war, bekam er detaillierte Handzeichnungen aus seinem Herbarium in die Hand gedrückt sowie Hinweise, wo die einzelnen Pflanzen noch am ehesten zu finden wären. Selbst gehen wollte der Mann aufgrund seines Alters nicht mehr. Die acht Kupfer sollten das Risiko, etwas falsch zu machen, aufwiegen. Mehr gab es nicht, weil der Auftrag nur darin bestand in den Wald zu gehen und Pflanzen zu holen. Also machte er sich auf, aus dem großen Westtor hinaus nach Süden. In Wäldern wurde es gefährlicher, je tiefer man sich hineinwagte. So nahe an der Grenze zu dem Khaganat der Steppenorks kam es häufiger vor, dass eine Bande Goblins zum Spähen an die Stadt heranschlich, im schlimmsten Falle sogar waschechte Orks. Es waren nördliche Steppenorks. Diese hatten eine helle beige Haut. Ihr Körperbau war schmächtig. Trotzdem übertraf ihre Stärke die der Menschen beträchtlich. Daneben existierte noch eine Fülle an Biestern, Monstern und ähnlichen schrecklichen Kreaturen. Ulf wusste, er war noch keinen von ihnen gewachsen. Er lief schließlich die ganze Zeit in einer dürftigen Lederrüstung umher und nahm Schild und Speer wie sein Messer zur Wehr. Sein pechschwarzes Haar hatte er zu einem Knoten am Hinterkopf zusammengebunden. Den Waldrand vor sich aufragend begann er sich zu ducken und zu schleichen. Es wurde direkt etwas kühler und roch nach frischen Nadeln und Laub. Die Geräuschkulisse der Zivilisation ebbte ab und er genoss für ein paar Minuten die Ruhe. Er ließ die Klänge und Düfte auf sich einwirken. Alles war in einen immerwährenden Schatten getaucht, der nur sporadisch durch kraftvolle Lichtsäulen unterbrochen wurde. Obwohl die Wildnis der Welt so gefährlich war, hatten sie auch etwas unverkennbar Schönes an sich. Er blickte in die Baumkronen, in denen sich langsam, aber sicher der frühe Herbst in schillernden Farben ankündigte. Ginge man weit genug in Richtung Süden, bis zur Stadt Basinf, hätte man die Chance ein Dorf der Waldelfen zu finden. Das wurde sich zumindest in Hotrand erzählt. Alles, was Ulf ohne Zweifel bestätigen konnte, war, dass es eine Menge Elfen in dieser Gegend gab, die regelmäßig zum Handel in die Städte kamen und die dummen menschlichen Affen davor warnten unvorbereitet in die Wälder zu gehen.
Die Suche nach den Pflanzen war eine mühsame Plackerei. An einem Punkt stolperte Ulf in einem Bach über einen losen Stein und legte sich mit dem Gesicht zuerst in das steinige Bachbett. An anderer Stelle hatte eine Heilpflanze mit unaussprechlichem Namen netterweise beschlossen in einem Ring aus Brombeeren und Brennnesseln zu wachsen. Sein gesamter Ausflug war von diesen Freuden begleitet. Eine Mana spendende Pflanze wuchs an einem Überhang genau über den Wildrosen, die er ebenfalls besorgen sollte. Als er nach einer mühsamen Klettertour seine Kleidung vollkommen durchgeschwitzt hatte, fiel er mitsamt der Manapflanze in das Wirrwarr aus Rosen. Dann war da die seltene Distelvariante, die selbstverständlich in einem ganzen Feld übersät mit verschiedensten Disteln wuchs. Zu guter Letzt sammelte er eine Orchidee, die verdächtig leicht zu bekommen war, bis er den extremen Juckreiz bemerkte, denn er hatte sich durch Giftefeu bewegt. Völlig zerkratzt und mit juckendem Ausschlag bedeckt, bewegte er sich in die Stadt zurück, knallte die Pflanzen dem Herbalisten auf den Tresen und ging wortlos, nachdem er seinen Lohn erhalten hatte. Der alte Herbalist lächelte ihm hinterher.
Fünf von seinen acht Kupfer gingen für das Bade- und Waschhaus drauf. Er brauchte mindestens eine Stunde, um seine Kleidung von den hartnäckigsten Dornen zu befreien. Doch das Bad tat ihm wiederum gut und weckte seine Motivation, noch einen finalen Auftrag am Abend anzugehen. Etwas Einfaches, etwas, das körperlich nicht anstrengend ist. Er sollte für Arya Glenmir, einer Halbelfe mit schwarzen langen Haaren und saphirblauen Augen, ein Buch aus dem Magazin der Hotrander Universität der Geheimen Türme besorgen. Sie brauchte es für ihren Handel mit Arkana. Mit wunden Füßen machte er sich dennoch frohen Mutes auf, die Bibliothek aufzusuchen. Fünf Kupfer bekam er dafür, verdächtig viel für einen einfachen Botengang. Ein ungutes Gefühl machte sich in seinem Magen breit, als er ankam und dort die großen, nein, gigantischen Hallen betrat. Ein Gespräch mit dem Personal eröffnete ihm, dass die Präsenzbibliothek zum Glück oberhalb des Kellers sehr gut organisiert und katalogisiert war. Doch das Buch, das er beschaffen sollte, befand sich in einem tiefen Magazin. Eines, in dem mehrere Katalogsysteme durcheinander benutzt wurden, weil die überarbeitete Verwaltung noch nicht dazu gekommen war, das aktuelle System einzuführen. Innerhalb der letzten Jahrhunderte wurden dementsprechend mehrere unvollendete Organisationsversuche in den Hallen hinterlassen. Völliges Chaos.
Wieder erwarten hatte Ulf Glück, denn ein hilfsbereiter Mitarbeiter der Universität hatte das Buch: „Zur Theorie der multiplen Dimensionen hinter dem magischen Schleier“ in einer der veralteten zugänglichen Bibliografien gefunden. In der Halle des Tiefenmagazins selbst jedoch würde er mithilfe der lokalen Bandkataloge arbeiten müssen. Nachdem er sich heftig beschwert hatte, musste er sich, wenn er irgendeine Form von Unterstützung wollte, eine lange Ausführung darüber anhören, wie das moderne nemesische System der Karteikartenkatalogisierung derzeit an allen modernen Universitäten das gegenwärtige imperiale nemesische-System der einsetzbaren Seitenkataloge ablöste, das seinerzeit vor siebenhundert Jahren die phaxischen Bandkataloge ablöste, die ihrerseits vor tausend Jahren die drakonischen Papyrusrollenkataloge ablösten. Davor herrschte wohl eine Art diverse Anarchie der Katalogisierungssysteme. Innerhalb eines Katalogsystems schien es noch unzählige individuelle Unterarten zu geben und Ulf sollte sich glücklich schätzen, dass er in dem genannten Magazin nur mit den beiden geläufigen nemesischen Arten sowie dem Sachbuchkastensystem der Räterepublik und dem Himmlischen Bandkatalog des Königreichs konfrontiert sein würde. Falls er weitere Hilfe nötig haben würde, gab es da noch einen Katalog über all die verschiedenen Katalogsysteme. Zumindest hatte er die Signatur seines Buches. Es waren keine Zahlen- und Buchstabenfolgen, wie bei den Nemesiern üblich, auch keine Zahlenfolgen, wie in der Republik, es waren Sternenkonstellationen.
Sein ganzer Körper schmerzte, als er die langen Treppen mit einer Schirmleuchte bewaffnet, hinunter in das siebte von fünfundzwanzig Kellergeschossen herabstieg. Je tiefer man stieg, desto staubiger wurde es. Es roch abgestanden, alles fühlte sich muffig und alt an. Die Töne wurden zuweilen unheimlich. Die Besucher hörten Flüstern, Heulen oder entfernte Schritte. Seltsames Rauschen und merkwürdig laute Luftzüge erfüllten die Treppen und Hallen, die er durchquerte. In jedem Stockwerk musste sich Ulf durch das labyrinthartige Magazin durchkämpfen, hin und wieder unterbrochen von verwunschenen Lesesälen und privaten Lesekabinen. Je tiefer er ging, desto weniger Studierenden begegnete er. Die Magazinhallen konnten klein bis gigantisch werden. Wo in einer Magazinhalle nur Platz für eine Schicht Regale war und einem die steinerne Decke direkt auf den Kopf zu drücken drohte, waren andere Hallen bis zu zehn Meter hoch, mit rostigen Laufstegen und quietschenden Schiebeleitern an den verschiedenen Regalwänden und Türmen. Die Lichtkegel anderer Besucher wurden rarer und rarer, er war allein.
Im stark benutzten Abschnitt der Magazine waren überall Schilder mit der Aufschrift: „Offene Flammen verboten! Eine Kerze kostet einen Finger und: Wer einen Brand verschuldet, wird mit seinem Leben zahlen!“ Zu finden. Deswegen waren nur die hermetisch verschlossenen Handlampen mit Öl oder für viel Geld magische Lampen erlaubt. Für die wenigen magisch begabten Personen galt die Erlaubnis, nicht-schädliche Magie verwenden zu dürfen, um für Licht zu sorgen. In die Magazine durften ohnehin nur Studierende, Mitarbeiter der Universität oder anerkannte Gelehrte.
Ulf war nichts davon, Arya aber, und mit ihrer Vollmacht bekam er sogar eine Handlampe und Öl für maximal fünf Stunden. Er wurde ermahnt nicht länger als diese Zeit unten zu bleiben, weil sie ihn sonst aus dem Magazin retten müssten. Mit Nachdruck erwähnte der Student, dass schon einige Personen im Magazin für längere Zeit verloren gegangen seien, weil es keinerlei natürliche Lichtquellen gab und die Mitarbeiter der Bibliothek manchmal keine Lust hatten jeden, der die Zeit nicht im Auge behielt, direkt retten zu gehen. Einmal wurde ein besonders unhöflicher nemesischer Adeliger für zwei Tage in den tiefen Magazinen gelassen. Diesem Schicksal wollte Ulf unbedingt entgehen.
In seiner Halle angekommen, sah er, dass sie gut sieben Meter hoch war. Schwer seufzte er und machte sich auf die Suche nach dem lokalen Katalog. Eine halbe Ewigkeit durchstreifte er die verwinkelten Gänge, bis er endlich die zentrale Informationstheke dieses Magazins fand. Auf den Tischen befanden sich drei alte Bandkataloge und ein neu aussehender Seitenkatalog. Den konnte er getrost ignorieren. Die Bandkataloge waren so alt, dass er erst ihre dicken Staubschichten abklopfen musste, um erkennen zu können, in was für Sprachen sie verfasst waren. Das sorgte für einen etwas heftigeren Hustenanfall. Danach tobte er schlagend und tretend an dem Podest herum, denn der Katalog war vollständig auf himmlischer Sprache geschrieben. Dies war der Punkt, an dem Ulf wusste, er war mit dem Lohn von fünf Kupfermünzen betrogen worden. Trotzig beschloss er hier nicht aufzugeben, das war eine Lehre und er wusste nun besser Bescheid. Also biss er die Zähne zusammen und glich die Sternenkonstellationen so lange ab, bis er das Gegenstück fand. Das dauerte nur eine knappe Stunde. Er hatte gehofft, er würde die Sequenz nicht finden, denn dann wäre das Buch nicht hier und er hätte auch nicht weiter hier unten verweilen müssen. So musste er jetzt die verdammten Regale finden, in denen die Werke auf himmlischer Sprache gelagert wurden. Später stand er endlich vor dem Regal. Das muss es jetzt aber sein! Zweimal bekam er beinahe einen Herzstillstand, weil Mäuse ihn überraschten, oder er vielleicht sie, in dieser Dunkelheit war das alles nicht so eindeutig. Er befand sich permanent in einer Lichtkugel, die inmitten der Finsternis umherwanderte. Um ihn herum wurde die Stille immer bedrückender. Ein Luftzug an seinem Ohr fühlte sich wie eine unerwünschte Berührung an. Staub, der auf ihn rieselte, wie eine Vielzahl an Insekten, die über seine Haut krabbelten. Jenseits der schützenden Lichtgrenze wartete das Grauen auf ihn. Das Bewusstsein dafür trieb ihm Schweißperlen ins Gesicht. Um das eine richtige Buch zu finden, musste er mit seinen schnell krümelig gewordenen Fingern nun über jeden Einband streichen. Er nieste am laufenden Band. Offensichtlich bekam ihm der Staub nicht. Kurz bevor er sich überlegte, nochmal Öl zu leihen, lehnte sich etwas zu kräftig gegen das Regal und musterte das Buch, welches herausfiel und ihn beinahe ohnmächtig schlug, das ist es!
Glück im Unglück, dachte Ulf. Mit schleunigen Schritten ging er nach oben, denn diese dunkle Bedrücktheit konnte er nicht viel länger ertragen. Die Studierenden in Hotrand erzählten sich viele Schauergeschichten über die Tiefen der Bibliothek. Ulf wollte keiner der Verschollenen werden. Auch wenn dabei galt je tiefer im Keller, desto gefährlicher; die meisten Geschehnisse begannen erst ab der zwölften Ebene. In den obersten fünf tummelte sich der Großteil der Mitarbeiter und Studierenden. Dozenten schickten selbstverständlich ihre Hilfswissenschaftler. Dementsprechend entsprangen die meisten schauerlichen Erzählungen den sogenannten Hiwis, die, wenn sie Pech hatten, bis nach ganz unten gehen mussten.
Nachdem der lästige Papierkram an der Ausleihe erledigt war, konnte er endlich das Buch abliefern. Als er in den Hof der Universität trat, raubte ihm die frische Luft beinahe die Besinnung. Das Sonnenlicht brannte ihm regelrecht die Dunkelheit aus den Augen. Arya lächelte schadenfroh, als er völlig fertig das Buch ablieferte. Ulf war es egal, er nahm die fünf Kupferstücke und schleppte sich erschöpft in die Abenteurergilde zurück. Dort angekommen warf er seine Rüstung und restliche Ausrüstung ab und schleppte sich geschunden zur späten Körperertüchtigung mit Ekisszar Trisstina. Danach wusch er sich und brach am Abendbuffet in der Gilde zusammen. Den Kopf konnte er gerade so neben seinen Teller fallen lassen. Seine brennenden Augenlider waren kurz davor zuzufallen, als die Gildenbeamte nach ihm rief. Müde hob er den Kopf und sah, wie Titus und Knut hereinkamen und ihm anscheinend etwas mitgebracht hatten.
Knut überreichte ihm ein großes Bündel mit den Worten: „Da sind eine ordentliche Lederrüstung, ein Kurzschwert, ein Beil, eine leichte Armbrust und fünfzig Bolzen drinnen. Damit du siehst, dass sich harte Arbeit gegen den Anschein trotzdem noch lohnt! Halt die Ohren steif, Kleiner!“
An diesem Abend schlief Ulf mit einem Lächeln ein.